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Psychiatrie/PsychosomatikmittelKlinischer Text
Klinikum am Stadtrand Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik Chefärztin Dr. med. A. Teufel Entlassungsbericht Patient: Hans-Joachim Müller, geb. 12.05.1970 Anschrift: Birkenweg 14, 80331 München Stationärer Aufenthalt: 15.01.2024 bis 26.02.2024 Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, wir berichten über den oben genannten Patienten, der sich vom 15.01.2024 bis zum 26.02.2024 in unserer stationären Behandlung befand. Diagnosen: 1. Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10: F33.2) 2. Essentielle Hypertonie, Erstdiagnose während des Aufenthalts bei hypertensiver Krise (ICD-10: I10.90) 3. Verdacht auf beginnende vaskuläre kognitive Beeinträchtigung (ICD-10: G31.84) 4. Bekannte Alkoholabhängigkeit, derzeit abstinent (ICD-10: F10.20) Anamnese: Die Aufnahme des 53-jährigen Patienten erfolgte als Selbsteinweisung bei seit ca. acht Wochen progredienter depressiver Symptomatik. Herr Müller berichtete über einen massiven Libidoverlust, psychomotorische Hemmung, ausgeprägte Insomnie (Einschlaf- und Durchschlafstörungen) sowie ein ausgeprägtes Morgentief. Er habe sich zunehmend von sozialen Kontakten isoliert und vernachlässige seine Tätigkeit als Buchhalter. Auslösend sei vermutlich der Tod des Vaters vor vier Monaten gewesen. Anamnestisch bestanden zwei Vorbehandlungen (2018 und 2021) wegen depressiver Episoden. Bezüglich der Alkoholabhängigkeit gibt der Patient an, seit einer Langzeitentwöhnung 2021 trocken zu sein, was durch die initialen Laborparameter (GGT 45 U/l, MCV 92 fl) gestützt wurde. Aufnahmebefund: Psychischer Befund: Bewusstseinsklar, allseits orientiert. Im formalen Denken verlangsamt, eingeengt auf die Themen Verlust und berufliche Überforderung. Stimmungslage tiefgedrückt, Affekt starr und wenig schwingungsfähig. Ausgeprägte Anhedonie. Keine produktiv-psychotische Symptomatik. Suizidgedanken wurden verbalisiert, jedoch bestand eine glaubhafte Distanzierung ohne konkrete Pläne. Körperlicher Befund: Adipöser Ernährungszustand (BMI 31 kg/m²). Herz/Lunge auskultatorisch unauffällig. Abdomen weich, kein Druckschmerz. Neurologisch unauffällig bis auf eine leichte Unsicherheit beim Strichgang. Diagnostik: Labor: Hb 14,2 g/dl, Leukozyten 7,8 Gpt/l, CRP 2,1 mg/l. Elektrolyte im Normbereich. Kreatinin 1,1 mg/dl. TSH 2,4 mU/l. Cholesterin 245 mg/dl, LDL 168 mg/dl. EKG: Sinusrhythmus, HF 72/min, keine Erregungsrückbildungsstörungen, QTc-Zeit 410ms. Testpsychologie: BDI-II: 38 Punkte (schwere Depression). MMSE: 25/30 Punkte (Hinweis auf leichte kognitive Defizite, insbesondere im Bereich Kurzzeitgedächtnis und Umstellfähigkeit). Therapie und Verlauf: Initial erfolgte eine Medikation mit Sertralin 100 mg/d. Hierunter klagte der Patient nach zehn Tagen über anhaltende Übelkeit und Unruhe bei ausbleibender Stimmungsaufhellung. Wir entschieden uns daher am 26.01.2024 für eine Umstellung auf Venlafaxin (Ausschleichen Sertralin, Einschleichen Venlafaxin retard bis auf 150 mg 1-0-0-0). Zur Nacht erhielt der Patient Mirtazapin 15 mg zur Schlafanbahnung. Am 05.02.2024 kam es zu einer Komplikation in Form einer hypertensiven Krise mit Blutdruckwerten von 215/115 mmHg und Cephalgie. Wir leiteten eine Akuttherapie mit Nitrendipin 5mg p.o. ein. In der Folge wurde eine antihypertensive Dauertherapie mit Ramipril 5mg (1-0-1-0) und Amlodipin 5mg (0-0-1-0) etabliert, worunter sich die Werte bei ca. 135/85 mmHg stabilisierten. Psychotherapeutisch nahm Herr Müller an der Depressionsgruppe (KVT-orientiert) sowie an Einzelgesprächen teil. Hierbei zeigte sich eine langsame Stabilisierung, wobei die kognitiven Defizite (MMSE 25/30) auffällig blieben und über eine reine depressive Pseudodemenzen hinausgehen könnten. Aufgrund der kognitiven Auffälligkeiten und der vaskulären Risikofaktoren (Hypertonie, Dyslipidämie) veranlassten wir ein cMRT. Dieses konnte aufgrund eines technischen Defekts des Geräts während der letzten Aufenthaltswoche nicht mehr durchgeführt werden. Ein Termin im MVZ Radiologie wurde für den 05.03.2024 vereinbart. Zum Entlasszeitpunkt ist der Patient psychisch deutlich stabilisiert, der Antrieb ist gebessert (BDI-II bei Entlassung: 19 Punkte). Er ist suizidfrei. Empfehlungen und Procedere: 1. Fortführung der Medikation: - Venlafaxin retard 150 mg 1-0-0-0 - Mirtazapin 15 mg 0-0-0-1 - Ramipril 5 mg 1-0-1-0 - Amlodipin 5 mg 0-0-1-0 2. Ambulante psychiatrische Weiterbehandlung (Termin bei Dr. S. Meier am 01.03.2024 um 10:00 Uhr). 3. Durchführung des bereits terminierten cMRT am 05.03.2024 zur Abklärung der kognitiven Defizite (V.a. vaskuläre Enzephalopathie). 4. Engmaschige Blutdruckkontrollen durch den Hausarzt (Ziel < 140/90 mmHg). 5. Fortführung der Alkoholabstinenz; Anbindung an eine Selbsthilfegruppe empfohlen. Wir danken für die kollegiale Zusammenarbeit. Mit freundlichen Grüßen, Dr. med. F. Schmidt Stationsarzt
Ground Truth
Hauptdiagnose
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode (F33.2), bei einem 53-jährigen Patienten nach Trauerfall.
Therapie
Umstellung von Sertralin auf Venlafaxin retard 150mg/d aufgrund von Unverträglichkeit; zusätzliche antihypertensive Therapie mit Ramipril 5mg (1-0-1-0) und Amlodipin 5mg (0-0-1-0) nach hypertensiver Krise am 05.02.2024.
Procedere
Ambulante psychiatrische Weiterbehandlung ab 01.03.2024, Durchführung des bereits terminierten cMRT am 05.03.2024 und wöchentliche Blutdruckkontrollen beim Hausarzt zur Überprüfung der neuen Medikation.
Offene Fragen
Die Ätiologie der kognitiven Defizite (MMSE 25/30) bleibt ungeklärt, da das cMRT aufgrund eines Gerätedefekts ausstand; zudem muss die Blutdruckeinstellung nach der hypertensiven Krise im Verlauf validiert werden.